10 Jahre SHG Hamburg

Lebensweg einer Selbsthilfegruppe

von Antonia Peters

Seit 1997 gibt es nun schon unsere Selbsthilfegruppe in Hamburg. Sie bzw. die Teilnehmer haben so manches Auf und Ab erlebt. Die Gruppe existiert bis heute und dies lebendiger, fröhlicher und kreativer als je zuvor.
Hier unsere Geschichte!

Oktober 1997

Am 18. Oktober treffen sich mehr als 100 Trichotillomanie Betroffene mit ihren Angehörigen zur 1. Deutschen Trichotillomanie-Tagung im UKE Hamburg. Seit 1995 führte das UKE unter Leitung von Herrn Prof. I. Hand die erste deutsche Studie zum zwanghaften Haareausreißen durch. Erste Ergebnisse wurden auf der Tagung vorgestellt. In Regionalgruppen wurden persönliche Erfahrungen ausgetauscht. Ich ergriff spontan die Iniative, Mitstreiter für die Gründung einer Selbsthilfegruppe in Hamburg zu begeistern.

22. November 1997

Unser erstes Gruppentreffen findet statt. Die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) stellte dafür einen Raum zur Verfügung.

12 Teilnehmer erscheinen zum ersten Treffen. Wir beginnen die Sitzung mit einer Entspannungsübung, (progressive Muskelentspannung) sprechen sehr ausführlich über unser Leben mit Trich, wie z.B. wann hat Trich begonnen? Wie haben die Angehörigen darauf reagiert? Und habe ich schon therapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Eine Teilnehmerin, die an der Hamburger Studie teilgenommen hatte, berichtet von ihren Erfahrungen mit Medikamenten.

Wir gehen mit dem guten Gefühl nach Hause, nicht mehr alleine zu sein.

Frühjahr 1998

Einige Mitglieder haben die Gruppe aus Zeit- oder beruflichen Gründen schon wieder verlassen. Zu unseren Treffen kommen in der Regel 3-8 Teilnehmer. Unsere Themen sind in dieser Zeit: Ängste, Gefühle und Kontaktprobleme. In unseren Gesprächen fällt immer wieder auf, wie viel Angst wir vor Gefühlen haben. Kontakt zu anderen Menschen wünschen wir uns zwar oft sehr stark, können aber mit entgegen gebrachter Sympathie nicht so gut umgehen. Deshalb erzählen einige von uns auch, dass sie deshalb enge Kontakte zu anderen Menschen vermeiden. Die Einsamkeit wird dafür in Kauf genommen. In der Kiss–Zeitung veröffentlichen wir einen Artikel, um neue Mitglieder zu werben. Das HAMBURGER ÄRZTEBLATT stellt unsere Gruppe ebenfalls vor.

Sommer 1998

Wir sind nur noch zu dritt. Gemeinsam entwickeln wir einen ersten Infoflyer zu unserer Erkrankung. Mit Infomaterial, das uns Ann Tomica von der Infostelle zur Verfügung gestellt hatte, fahren eine Betroffene und ich nach Hemer, zur 1. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankung, um mit einem Infostand auf uns aufmerksam zu machen.

Im Herbst führen wir mit Frau Neudecker, damals Psychologin im UKE, eine kleine Infoveranstaltung in Hamburg durch. Es kommen 12 Teilnehmer. Hier erfahren wir weitere Erkenntnisse von Frau Neudecker zu Trichotillomanie. Es werden Erfahrungen zur Therapie ausgetauscht. Und jeder berichtet davon, wie er sich vor Reißanfällen schützt.

Ich besuche Fortbildungsseminare für Gruppenleiter von KISS „Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen“. Wir beschäftigen uns in den „Bausteinen“ mit dem „Selbstverständnis des Gruppenleiters/ Kontaktperson“ wie man „soziale Fähigkeiten in der Selbsthilfegruppe“ erkennt und fördert, warum die „Gesprächsführung in Selbsthilfegruppen“ wichtig ist und wie man „Gruppenprozesse wahrnimmt und moderiert“.
Anton Auf einem dieser Seminare lerne ich auch Dietwald kennen, der unser Reißermännchen malt, das später unser Logo wird.

Das SONNTAGSBLATT veröffentlicht einen großen Artikel zu Trichotillomanie.

1999

Unsere Gruppe wächst. Wir sind jetzt wieder 7 Teilnehmer. Wir tauschen uns über Gemeinsamkeiten, z.B. Verhalten der Eltern, Erziehungsstile, einschneidende Lebensereignisse, und Auslöser, Stress, Langeweile, Überforderung und Unruhe aus und üben das Habit Reversal Training, Aufmerksamkeitstraining, Erlernen einer konkurrierenden Reaktion, Entspannungstraining, Verstärkung /Belohnung, Generalisierung, nach Lee Bear. Es stellt sich sehr bald heraus, dass es sehr schwierig ist, diese Methode während unserer Treffen zu erlernen. Jeder muß zu Hause weiter üben. Viele von uns haben aber Probleme kontinuierlich weiter zu machen, weil so viele Ereignisse am Tage da sind, die uns immer wieder ablenken. Eine Physiotherapeutin zeigt uns neue Entspannungstechniken, wie die Massage mit dem Igelball, bewusstes Atmen oder die progressive Muskelanspannung. Auf dem internationalen Kongress zu Zwangsstörungen in Hamburg präsentieren wir uns mit einem Infostand.

Der STERN berichtet ausführlich über Zwangsstörungen und Trichotillomanie. Jürgen FLIEGE lädt mich in seine Fernsehsendung ein, wo ich über mein Leben mit Trichotillomanie berichte.

Vom 1. bis 3. Oktober findet in Bamberg die 2. Jahrestagung der DGZ statt. Hier mache ich zusammen mit Ann Tomica einen Infostand zur Trichotillomanie.

2000

Es hat sich ein fester Kern aus 5 Teilnehmern gebildet, die regelmäßig in die SHG kommen. Wir diskutieren über Themen wie: „Wie sage ich es meinem Partner/Angehörigen“ und planen, die Partner oder Eltern mal zu einem gemeinsamen Gruppenabend einzuladen. Wir führen als festen Bestandteil das Anfangs- und Endblitzlicht bei unseren Treffen ein. Wir unternehmen immer mal wieder Ausflüge, feiern Sommerfeste und Weihnachtsfeiern miteinander. Das trägt zu einem noch stärkeren Zusammengehörigkeitsgefühl bei. Meistens werden auch unsere Partner zu den Festen eingeladen. Wir wollen noch mehr über die Ursachen und Auslöser erfahren und laden deshalb Frau Neudecker zu einem Gruppenabend ein.

Das erste Info-Blatt zur Erkrankung entsteht.

2001

Jetzt sind wir schon 9 Teilnehmer. Unser Hauptthema sind Entspannungsübungen. Hier interessiert uns, was der Einzelne für sich zur Entspannung tut. Es kommen Vorschläge wie Wannenbäder, Massagen, Lesen, Spazieren gehen usw. Wir führen eine gemeinsame Infoveranstaltung in Hamburg durch, zu der leider nur 6 Interessierte kommen.

Die Medien haben großes Interesse an Trichotillomanie. Das Fernsehen berichtet in den Sendungen PLANETOPIA und DAS über die Erkrankung.

2002

Die Gruppe stagniert. Oft kommen nur noch 5 Teilnehmer, die viel über ihre Krankheit jammern. Als Rettungsanker laden wir die Sozialpädagogin Monika Holzer zu uns ein, die mit uns ein Konzept zum lösungsorientierten Arbeiten entwickelt. Hierbei handelt es sich um Wünsche und Ziele, die außerhalb der Erkrankung bestehen, und die in kleinen Schritten mit Hilfe der Gruppenteilnehmer umgesetzt werden können. Trotzdem löst sich die Gruppe wenig später fast auf, weil keiner bereit war, das Jammern aufzugeben.

Die Zeitschriften MÄDCHEN und PSYCHOLOGIE HEUTE berichten über die Erkrankung. In der Sendung VISITE des NDR gibt es einen ausführlichen Bericht.

2003

Mit Hilfe von Monika Holzer entwickele ich aus dem lösungsorientierten Arbeiten das 7-Schritte-Programm und biete dazu ein Seminar in 10 Abenden an.

Im September findet die 2. Trichotillomanie Tagung wieder im UKE Hamburg statt. 180 Teilnehmer, Betroffene, Angehörige, Ärzte und Therapeuten besuchen die Tagung. Die ZEIT, das HAMBURGER ABENDBLATT und die KISS Zeitung berichten darüber. Kurz danach kommt neues Leben in die Selbsthilfegruppe.

2004

Zwölf Teilnehmer besuchen nun regelmäßig unsere Gruppe. Wichtige Themen sind: „Belohnung“, „Mutter-Kind-Beziehungen“, gibt es da Gemeinsamkeiten? „Was hilft uns im Alltag“, z.B. feste Tagesstruktur, regelmäßige Pausen, Noppen- und Knautschbälle u.ä. das Thema Motivation zu reißen, aber auch wieder damit aufzuhören.

Wir erarbeiten Gruppenregeln, legen einen Gruppenordner und eine Tipp-Kiste an, in der wir Tipps gegen das Reißen sammeln.

Das DEUTSCHE ÄRZTEBLATT, BILD DER WISSENSCHAFT, AKTE 04 und DAS berichten über Trichotillomanie.

2005

Unsere Gruppe platzt fast aus allen Nähten. Bis zu 19 Betroffene besuchen die Abende. Das Anfangsblitzlicht nimmt die gesamte Zeit in Anspruch. Deshalb beschließen wir, die Gruppe im März zu teilen.

Ich treffe mich mit einigen bei KISS - Barmbek, die andere Hälfte trifft sich weiter in Altona. Die Teilnehmer leiden so sehr unter der Trennung, dass wir uns im August wieder vereinen. Gemeinsam schreiben wir 50 Verhaltenstherapeuten an, um auf Trich aufmerksam zu machen. Immerhin 5 von ihnen melden sich und erklären sich bereit, Patienten mit der Erkrankung zu behandeln. Wir bereiten das erste SHG Tricho Bundestreffen in Meschede vor, zum dem 8 Teilnehmer aus 7 Gruppen kommen. Linda Deslauriers, Haartherapeutin, besucht unsere Gruppe und spricht mit uns über Hairbalancing und wie wir durch spezielle Pflege und Beachtung unsere Haare wieder „lieb gewinnen“ können.

Der STERN, TINA, NEUE WOCHE schreiben über Trich, das HAMBURGER JOURNAL filmt unsere Gruppe und TAFF/SAM und RTL EXPLOSIV strahlen Berichte über die Störung aus.

2006

Sechzehn Teilnehmer besuchen unsere Gruppenabende. Wir führen einen Gruppen TÜV durch, der zu neuen Gruppenregeln führt. Wir bereiten das zweite Bundestreffen in Meschede vor, an dem leider nur eine von uns teilnehmen kann. Hier stellen wir den Teilnehmern das 7-Schritte-Programm vor.

Frau Dr. Münchau besucht unsere Gruppe und spricht mit uns über Strategien gegen Trich und wie man seine gesunden Anteile wieder stärken kann.

Auf der DGZ Tagung in Berlin wird ein Symposium und ein Workshop zur Trichotillomanie angeboten.

In der Zeitschrift GLAMOUR und in HALLO DEUTSCHLAND (ZDF) wird über die Störung berichtet. In der Talkshow UNTER UNS im MDR darf ich über mein Leben mit Trichotillomanie berichten.

2007

Manchmal sind wir 22 Teilnehmer. Wir tauschen uns aus darüber, wie wir unsere Wochenenden planen, denn für viele Alleinlebende ist das Wochenende die schwierigste Zeit der Woche, wo es häufig zu Reißanfällen kommt. Tipps wie das Wochenende schon rechtzeitig zu planen, sich mit Freunden treffen, Hobbys pflegen oder ganz gezielt alleine mit sich auszugehen, werden vorgeschlagen.

Wie gehen unsere Angehörigen mit unserer Krankheit um? Manchmal werden dem Betroffenen Vorhaltungen gemacht. Man stößt auf Unverständnis beim Angehörigen. Andere Teilnehmer berichten, dass Trichotillomanie in der Beziehung keine Rolle mehr spielt, was die Motivation zum Haareausreißen ist und welche Erfahrungen wir in der Therapie gemacht haben.

Dipl.-Psych. Thomas Prünte laden wir ein, um mehr über Körpertherapie und Tiefenpsychologie zu erfahren.

Der Friseurmeister Jürgen Behn klärt uns umfassend über Haarwachstum und Haarschäden auf und gibt uns Tipps zur Haarpflege.

Wir erarbeiten einen Leitfaden zum Gruppenablauf, erneuern die Gruppenregeln und entscheiden uns für die wechselnde Moderation. Mit der wechselnden Moderation gelingt es uns, dass alle Teilnehmer die Gelegenheit bekommen, einen Gruppenabend zu leiten und zu moderieren. Die Gruppe und der moderierende Teilnehmer, entdecken so Fähigkeiten an sich, die sie vorher entweder nicht kannten oder sich nicht zugetraut haben.

Die Zeitschriften BELLA, VIEL SPASS und die APOTHEKEN UMSCHAU stellen Trichotillomanie vor. Im Fernsehen sind wir in den Sendungen VOLLE KANNE SUSANNE und bei DAS zu sehen.

Zur Zeit besuchen 20 Frauen und 2 Männer mit Tricho- und Dermatillomanie unsere Gruppe, zwei davon sind Angehörige. Das Verständnis, das gegenseitige Vertrauen und die liebevolle Unterstützung der Teilnehmer hilft jedem Einzelnen von uns und lässt die Störung besser ertragen.

Auch nach 10 Jahren möchte ich die Gruppe nicht missen!

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